Dead & Gone: Malcolm McLaren (22.1.1946 - 8.4.2010)
"Die ganze Kultur selbst war längst zur Ware verkommen:
korrupt, übergewichtig, lächerlich und unwichtig." Was wie ein heute gesagtes Statement
klingt, ist ein Zitat von Malcolm McLaren, bezogen auf die Attraktivität von Punk
der 1970er Jahre, Stichwort Sex Pistols. Malcolm McLaren, der gleichermaßen verehrte
wie verhasste Provokateur, Anarchist, Modemacher, Manager und Musikschaffender, starb 64-jährig am 8. April 2010 an einem Krebsleiden.
Er war der große Rock'n'Roll-Schwindler, der "Rattenfänger
des Pantomimenpop", wie ihn Simon Reynolds im Buch "Rip it up and start again: Schmeiß
alles hin und fang neu an: Postpunk 1978-1984" (Hannibal Verlag; 2007)
bezeichnete. Er ließ die Sex Pistols als Marionetten auftreten und zog die
Fäden. Ohne ihn, McLaren, gäbe es keinen Punk, davon sind viele überzeugt
und diese Behauptung kann man tatsächlich durchaus stehen lassen. Wobei die
Ursprünge von Punk nicht in der Musik lagen, sondern in der Mode. "Nur die
Mode", so McLaren in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitschrift ZEIT, "hat
diese außergewöhnliche Kraft, eine massenhafte Identität herzustellen. Sie ist
sofort erkennbar als Rüstung, Abzeichen, Uniform - als eine Waffe. Punk war
eine fantastische Mode, aber ich brauchte die Musik. Nur zusammen ergaben sie
das vollständige Bild von dem, was damals in den Straßen passierte." Dass die
Sex Pistols und Malcolm McLaren keine guten Freunde blieben sollte allgemein
bekannt sein, ebenso, dass McLaren die Fäden durchgeschnitten wurden, die
Pistols also keineswegs seine Marionetten blieben. McLarens offensichtlicher
Antrieb, die Kritik an der Warengesellschaft, ging immer wieder so weit, dass
er, wie er einmal erwähnte, sobald ein neuer Star geschaffen war, ihn auch
wieder zerstören wollte. Nach den Sex Pistols übernahm er die Manager-Rolle von
Adam & The Ants, feuerte jedoch den Sänger (bevor sie richtig erfolgreich wurden),
ersetzte Adam durch Annabella Lwin und formt aus den adamlosen Ants die Band
Bow Wow Wow. Es war ein Patchwork an Ideen, zusammengekleistert aus historischen
und tagesaktuellen Themen, verwoben mit zukunftsweisenden Elementen. Ja,
McLaren war manchmal seiner Zeit ziemlich weit voraus, und das hatte mehrere
Gründe, hier muss man weiter ausholen. 1980 bestand die größte Sorge der
Musikindustrie nämlich darin, dass musikbegeisterte Menschen zu Hause Musik aus
dem Radio mitschnitten. Kassettenpiraterie heißt dieses Stichwort, was,
angesichts von gegenwärtigen Filesharings, nahezu lächerlich wirkt, aber bitte,
war eben so. Zudem war gerade der Walkman auf den Markt gekommen. McLaren
begriff einerseits - und übrigens schneller als alle anderen - dass Musik mit
dem Aufkommen tragbarer und mobiler Tontechnologie Musik für die Menschen
allgegenwärtig werden würde, dadurch aber eben auch weniger wichtig werden
würde, oder, wie Reynolds schreibt: "Wegwerfsoftware für elegant entworfene,
hochgradig fetischisierte Freizeittechnik - wie die MP3-Player und iPods von
heute." Andererseits fand McLaren, dass der Ruin der Plattenindustrie ein Grund
zum Feiern sei. Und genau das manifestierte sich direkt in der Musik von Bow
Wow Wow, nämlich in der Verherrlichung der Kassettenpiraterie anhand des Songs C-30,
C-60, C-90 Go!. Nicht nur das, denn so nebenbei "entdeckte" er afrikanische
Rhythmen für den Mainstream, genauer formuliert die Burundi-Trommeln, die er mit Post-Punk und Pop verband und so der Weltmusikwelle einige
Jahre voraus war. Nun, vermutlich hörte McLaren Joni Mitchells "The Hissing of Summer Lawns" aus dem Jahr 1975 rauf und runter, und hier vor allem das Lied The Jungle Line, als ihm die Idee, die Vision, kam. Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Dennoch und aus vielerlei Gründen hatte auch Bow Wow Wow ein
Ablaufdatum. 1982 trat die Band - mit Go Wild in the Country erfolgreich in den Charts vertreten - in New York auf, dort lernte McLaren HipHop
kennen, beschloss sein eigener Star zu werden und ließ also die Band fallen, oder, um nochmals zu wiederholen was er einmal sagte: "Sobald ein neuer Star geschaffen war, wollte ich ihn auch wieder zerstören."
Folkdances of the World
1982 war Malcolm McLaren felsenfest davon überzeugt, dass "die
allgemeine Wiederentdeckung des Erdigen und Ethnischen unmittelbar bevorstand."
Wenn man nach einem Geburtsjahr von World Music sucht, dann kann man daher durchaus
das aus diesen Überlegungen entstandene Album "Duck Rock" (Virgin; 1983) als Geburtshelfer
in Betracht ziehen. Ursprünglich mit dem Titel "Folkdances of the World"
versehen ist dieses Album ein Konglomerat aus Pop aus den südafrikanischen
Townships, Hillbilly aus den Appalachen, Merengue aus der Dominikanischen
Republik, Cajun, kubanischen Rhythmen und HipHop inklusive Rap und Scratching. "Duck
Rock" ist ein ziemlich revolutionäres Album, Scratching taucht hier nämlich
genauso zum ersten Mal im Pop-Mainstream auf, wie die Vermengung völlig
konträrer Musikkulturen. HipHop und Square Dance wurden in Buffalo Gals zur
Einheit, und all die Collagen aus Beats, Bässen und Samples gelten allgemein als
Grundstein von Jungle und TripHop, zudem bekam man anhand seiner ethnomusikologischen
Feldstudien erstmals eine Ahnung was in der World Music alles noch möglich sein
wird. Zwischen Volkstümlichkeit und Kulturpiraterie vermittelt "Duck Rock" eine
panglobale Stimmung und enthält mit "Obatala", Double Dutch, "Merengue", "Punk it up", "Legba", "Jive My Baby Jive",
"Song for Chango", "Soweto", World's Famous, Duck for the Oyster und natürlich "Buffalo Gals" elf Genialitäten ersten Ranges, umgesetzt wie eine Radio-Sendung im Weltsender. Dass
"Duck Rock" in allen Belangen aufging war aber letzten Endes dem Kreativ-Team um
McLaren zu verdanken, allen voran Trevor Horn (DEM Starproduzenten von 1982),
Arrangeurin und Keyboarderin Anne Dudley und dem Programmierer J.J. Jeczalik,
die später mit Art of Noise ihr eigenes Ding drehten und "Duck Rock" sogar als "prototypisches
Art-of-Noise-Album" bezeichnen. Aber das interessierte McLaren (leider) gar
nicht mehr so richtig, denn noch vor Fertigstellung von "Duck Rock" bastelte er
bereits an der nächsten musikalischen Revolution, nämlich an seiner eigenen Kombination
aus Pop und Oper. Madame Butterfly war die Hitsingle und das sehr gute Album "Fans"
(EMI; 1984) wurde ebenfalls ein anständiger Erfolg, auch wenn es nicht die von ihm
angesagte und erhoffte Musikrevolution auslöste. Diese Idee entwickelte McLaren jedoch weiter und veröffentlichte - nach dem "Duck Rock"-Outtake Album "Swamp Thing" (1985) - das reichlich abgefahrene und überladene Waltz Darling (1989), auf dem er den Madonna-Kult der 1990er Jahre vorwegnahm. In den 1990er Jahren wiederum versuchte er eine gültige
Kombination aus Pop, Jazz und französischen Chansons zu finden ("Paris", 1994/95),
und bat u. a. Catherine Deneuve vors Gesangsmikro. Zuletzt lieferte Malcolm McLaren mit "Tranquilize" (2005) einen entrückten Mix
aus Fernost und Europa, HipHop und Kitsch, Elektro und Rock ab. Zu hören ist
darauf u.a. eine grandiose chinesische (!) Version des Kraftwerk-Klassikers "Das
Model". Ein Monolith von einem Album, eine große dramatische Oper eines großen Meisters
und Provokateurs. Der Anarchist, Modemacher, (Punk-)Manager und Musikkreator Malcolm McLaren starb 64-jährig am 8. April 2010 an einem
Krebsleiden. (Manfred Horak)