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Jacques Offenbach (1819 – 1880) gilt als der Schöpfer der
eigentlichen Operette, die durch Singspiele und leichte komische Opern zwar hinlänglich
vorbereitet war, aber als Gattung noch nicht bestand. Am 5. Juli 1855 eröffnete
Offenbach in Paris seine kleine Bühne "Les Bouffes Parisiens" mit mehreren
kleinen heiteren Stücken - und genau dieses Datum gilt heute als die Geburtsstunde der
modernen Operette. Seine Operetten sind freilich auch als ein Kind ihrer Zeit
zu sehen mit Napoleon III. als Herrscher einer französischen Gesellschaft. Zudem veränderte sich das
kulturelle Klima der Metropolen im Sinne einer zunehmenden
Modernisierung und Internationalisierung der bürgerlichen Lebensformen, wofür
die Weltausstellungen (erstmals 1851 in London; 1855 in Paris) geradezu
symptomatisch sind. Eine Zeit also, die, auch aufgrund der labilen Strukturen des
Zweiten Kaiserreichs in Frankreich, in der Literatur und im Theater für viele Themen
sorgten und generell ein Quell von Bosheit und Ironie waren. Wirbelnd spritzige
Rhythmen, einprägsame Melodiebildungen und Temposteigerungen ohne Ende waren
Offenbachs musikalische Stilmittel mit Texten die dort ansetzten wo andere mit
ihrer Ironie nicht mehr weiter wussten.
Ohne Altershürden ins Heute
Der kurzweilige und überaus amüsante Abend in der Kammeroper
begann mit dem Einakter "Die Insel Tulipatan", einer ironischen Abrechnung über
die Klischees der Geschlechterrollen. Das Herzogtum Tulipatan mit ihrer
bornierten und selbstgefälligen Gesellschaft liegt - wie wir alle wissen, wenn wir das Programmheft zur Hand nehmen - als
kleine Inselgruppe in einem der Weltmeere, die Handlung selbst setzt exakt 473
Jahre vor Erfindung des Spucknapfs ein. Herzog Cacatois (fulminant, Andreas
Jankowitsch) hoffte nach seinen zwei Töchtern nun endlich einen Thronerben zu
bekommen, aber nein, wieder war es ein Mädchen. Dies allerdings verheimlichte
man ihm, indem man das Mädchen in Knabenkleidung steckte. Doch wie man weiß
machen Kleider nicht immer Leute und so wurde aus dem vorgetäuschten männlichen
Thronerben Alexis (hervorragend, Milena Gurova) ein schüchterner und
bescheidener Mensch. Umgekehrt verhält es sich mit dem gleichzeitig geborenen
Knaben Hermosa (exzellent, Jeroen de Vaal), der als Mädchen getarnt wird, damit
dieser nicht eines Tages zum Militär muss. Das Leben als Lüge, Identifikation
als Täuschung - Offenbach begegnet diesen absurden Illusionen und dem Aufzeigen
unbequemer Wahrheiten mit einer Rasanz und einem Humor, der keineswegs altbacken oder überholt ist. Angetrieben von einem Erzähler (mehr
als beachtlich, Benjamin Prins), dessen trockener Humor das Stück enorm
bereichert. Generell übrigens ein Humor, der den Weg ohne Altershürden ins
Heute fand und der einem, berauscht von der hohen musikalischen Qualität, dies
freilich auch dank eines unglaublich motivierten Ensembles unter der
musikalischen Leitung von Daniel Hoyem-Cavazza, in die Pause entließ.
Happy Birthday China!
Kann man dem noch etwas draufsetzen oder wäre vielleicht ein
Einakter ausreichend ob der hohen Qualität und der Kurzweil von "L'ile de
Tulipatan"? Sollte jemand derart Bedenken in der Pause gehegt haben, wurden
diese Zweifel rasch beseitigt. Das muss man nämlich einfach gesehen haben, wie
sich "Ba-ta-clan", diese "Chinoiserie musicale" von Jacques Offenbach, die im
zweiten Teil des Kammeroper-Abends zu sehen und zu hören war, entwickelt und
wie dieser Einakter vorangetrieben bzw. vorangepeitscht wird. Ganz wichtig auch
hier der Erzähler Benjamin Prins, der, unter Einbeziehung der Übertitel, sein
komödiantisches Talent ausspielen darf. Das Stück spielt im Königreich Ché-i-no-or
vor der großen Revolution - erstmals in Wien wurde es übrigens im Oktober 1860
unter dem Titel "Tschin-Tschin" gezeigt, mit Johann Nestroy in einer seiner
letzten Bühnenrollen. Nestroy ist auch gewissermaßen das Stichwort, weil diese
Offenbachiade nicht mehr und nicht weniger als eine völlig überdrehte
politische Satire über das Publikum hinwegfegte. Und auch hier gelang Offenbach
der zeitlose Moment, die Ventilöffnung zur Lächerlichmachung der politischen
Kaste - in den Übertiteln wurde demgemäß und folgerichtig auch auf die österreichische
Innenpolitik Bezug genommen. Dass sich die Verhältnisse nicht wesentlich
verändert haben (was war und was blieb ist Machtgeilheit, Geldgeilheit,
Freunderlwirtschaft, Korruption) muss man leider zur Kenntnis nehmen. "Ba-ta-clan" ist ein Revolutionslied, das zu singen bei Strafe verboten ist, und
das Stück selbst handelt von Politikern, die die Sprache der Bevölkerung nicht beherrschen und
sich von daher eines unsinnigen Pseudo-Chinesisch bedienen (China, so nebenbei,
wird denn auch zum Geburtstag gratuliert). Beide Stücke erwiesen sich summa
summarum als fast ebenbürtig; Tulipatan ist vielleicht als Ganzes homogener,
musikalisch und gesanglich treffsicherer, das erste Drittel von Ba-ta-clan ist dafür
eine Extraklasse für sich. Besonders hervorzuheben ist auch das Bühnenbild von Duncan Hayler. Hier steht nicht nur alles Kopf, sondern überzeugt auch mit
unglaublichem Detailreichtum. Ein Bühnenbild eines Meisters, von dessen Kreativität
sich einige (auch große, zu Tode subventionierte) Theaterhäuser lernen sollten.
Zum Brüllen komisch. Unbedingte Empfehlung. (Text: Manfred Horak; Fotos: ©
Christian Husar)
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Kurz-Infos:
Jacques Offenbach - L'île de Tulipatan & Ba-ta-clan
Bewertung: @@@@@@
Wiener Kammeroper
Aufführungen in französischer Sprache mit deutschen
Übertiteln
Musikalische Leitung: Daniel Hoyem-Cavazza
Inszenierung: Waut Koeken
Choreographie: Ferdinando Chefalo
Ausstattung: Duncan Hayler
Lichtdesign: Glen D’haenens
Narrateur: Benjamin Prins
L’ île de Tulipatan: Opéra-bouffe en un acte
Libretto: Henri Ch. Chivot & Alfred Duru
Cacatois: Andreas Jankowitsch
Romboidal: Dan Chamandy
Alexis: Milena Gurova
Theodorine: Lisa-Maria Jank
Hermosa: Jeroen de Vaal
Ba-ta-clan: Chinoiserie musicale
Libretto: Ludovic Halévy
Fe-Ni-Han: Dan Chamandy
Ke-Ki-Ka-Ko: Jeroen de Vaal
Ko-Ko-Ri-Ko: Andreas Jankowitsch
Fe-An-Nich-Ton: Milena Gurova
Chœur: Solmaaz Adeli, Rumen Dobrev,
Christian Normann Larsen, Henrik Simunkovic, Magdalena Singer
Orchester der Wiener Kammeroper
Weitere Vorstellungen:
8., 10., 13., 15., 17., 20., 22., 24., 27., 29., 31. Oktober 2009
3., 5., 7. November 2009
Beginn: 19.30 Uhr
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