"Farbengeil" ist das bereits vierte Album von Strom & Wasser rund um Sänger Heinz Ratz, und
weiterhin lebt die Band ihr Motto "Willst
du ein bisschen spannender leben dann musst du Strom ins Wasser geben" aus.
Heinz Ratz, Sänger und Komponist der Band Strom & Wasser,
ist ständig in Bewegung. Mit Mitte dreißig ist er bereits 47 mal umgezogen, wohnte
in Peru, Argentinien, Spanien, Saudi-Arabien und Schottland, lebte als
Totalverweigerer und Obdachloser, flog aus allen sechzehn Schulen, Heimen und
Internaten, und brach die Schauspielschule ab, um seinen eigenen Weg zu gehen.
Anfang des Jahres 2008 startete er seinen "Lauf gegen die Kälte" gegen den
Sozialabbau in Deutschland, "die", wie Ratz erklärt, "immer härtere Gangart,
die in unserer geldorientierten Gesellschaft herrscht und ein wachsendes
Gefälle zwischen Arm und Reich bewirkt."
Keine leichte Kost, aber die Sorgen sind wir los
Ein
Album, das der Band den Preis der deutschen Schallplattenkritik (Bestenliste
1-2008) bescherte sowie im Jänner 2008 den Titel "Album des Monats" in der Liederbestenliste Deutschland
bescherte. Dort ist das "Lied von der schlafenden Armut" seitdem auch auf den
vorderen Rängen zu finden. Konstantin Wecker bejubelt ebenfalls die Band, und
schrieb in der Musikzeitschrift Folker!: "Ich glaube, er ist ein verzweifelt
Hoffender, der sich ins Absurde rettet, der noch grinst, wenn ihm das Wasser
bis zum Hals steht, weil ihm da die besten Verse einfallen. Und er wäre nicht
so kämpferisch, wenn er nicht voller Hoffnung wäre auf eine gerechtere Welt, er
würde sich nicht so einmischen, wenn ihm der Zustand unserer Gesellschaft egal
wäre, auch und gerade weil er das ohne Zeigefinger macht." Und, so Wecker abschließend: "Seit ich ihn entdeckt habe, mach’ ich mir keine allzu großen Sorgen mehr um
die Zunft der deutschsprachigen Liedermacher." Aber Vorsicht: Leicht öffnet
sich die Band nicht, man braucht schon etwas Geduld, um Gefallen an den Liedern
zu finden. Die gewöhnungsbedürftigen Elemente resultieren sicherlich daraus,
dass Strom & Wasser, ähnlich wie Tom Waits, mit konventionellen
Instrumenten sehr ungewöhnliche Wege beschreitet und, wie der amerikanische
Sänger, ihre ureigenste Musikvision umsetzen. Zudem ist die Gesangsstimme von
Heinz Ratz ein Spiegel in die Abgründe und in die Kanalisationen, die große
Lyrik, und jetzt muss man Brecht erwähnen, ausspeit, ohne Lehrer sein zu
wollen, sondern sich vielmehr, mitunter maskiert, aus der Vogelperspektive
beobachtet und urteilt.
Am Steuer stehen Blinde
17 Lieder packt Heinz Ratz auf "Farbengeil", darunter mit "Die
große Mondpolka" den besten Tom Waits-Song
seit etlichen Jahren. Ratz und der Mond
tauschen dabei deren Identität, "Er gab mir seine Krawatte/Er gab mir sein
silbriges Licht/Ich gab ihm den menschlichen Körper/und mein zerbeultes
Gesicht." Ganz groß auch das bereits erwähnte "Lied von der schlafenden Armut"
mit einer Textkraft und Wucht, wie man sie in deutschen Landen in dieser Form
schon lange nicht mehr gehört hat. Stark und kraftvoll dabei auch stets die
Musik, die, befreit von allen modischen Zwängen, mit dem Grundgerüst Bass und
Schlagzeug plus mit wechselnden Instrumenten wie Cembalo, Marimba, Klavier, Gitarre,
Flöte in die Tiefen von Folk, Rock, Punk, Urschrei und Balladen abtauchen. Mein
Lieblingslied, neben der Mondpolka,
ist das Lied "Kreuzfahrt ins Nichts", eine thematische Annäherung an "Blinder
Passagier" von Rio Reiser. Ratz bettet hier ungemein gekonnt Versatzstücke von "Wot
(I Say Captain)" – dem einzigen Hit von Captain Sensible – ein und liefert darüber
hinaus mit der Textzeile "Im Meer der Außenpolitik/im Meer der
Innenpolitik/toben fürchterliche Winde/Und am Steuer stehen Blinde!" wohl den
Vers des Jahres ab.
Das zärtliche krepiert
Zwei weitere Höhepunkte befinden sich am Beginn des Albums. Im Einstiegslied "Fütter Deinen Teufel", gewürzt mit dem Engelsgesang von
Maria Schneider und dem verführerischen Bratsche-Spiel von Kay Braun, jagt Ratz
hier im Zwiegespräch/-gesang, bzw. Word-Rap durch die deutschen Städte und liefert
Head-Lines für u. a. Whisky, Partys, Pornos und Drogen. Ein Knaller und Knüller
gleichermaßen auch das darauf folgende "Das Märchen von Mr. Calamachi" über
Porno-Rap und Bushido: "Und Bushido singt von Fotzen/und Bushido singt von
Krieg/und die Plattenfirmen feiern einen leicht errungnen Sieg/[…]/Und man
feiert die Verachtung/die in seinen Texten steckt/[…]/Und natürlich ist er
dämlich/und nur künstlich produziert/aber trotzdem trägt er dazu bei/dass
Zärtliches krepiert". Strom & Wasser ist nur selten versöhnlich, diese
wenigen Momente sind dafür umso
genussvoller, so wie in "Das kleine Chaos", einem leisen Aufruf zu mehr Mut im
Leben, und vor allem wie im letzten Lied des Albums, "Das ganz große Wort",
einem Liebeslied voller Sehnsucht und Sanftheit. Ein großer, farbengeiler, Wurf
einer großen Band. (Manfred Horak)