| Joe Zawinul hat den Lauf des Jazz derart mitbestimmt wie kein anderer
Europäer, und er archivierte auch so ziemlich alles, was er an Musik kreierte,
wie er mir in einem Interview einmal verriet: "Ich bin früh drauf gekommen, dass
für mich das Komponieren so schnell geht, dass ich kaum mitschreiben konnte.
Ich habe an die 5000 Kassetten voll von mehr oder weniger verwendbarer Musik,
denn ich spiele seit mehr als 40 Jahren jeden Tag. Wenn ich unterwegs bin,
stelle ich im Hotelzimmer in fünf Minuten alles auf, und dann spiele ich 90
Minuten. Auf dem Laptop bleibt das alles gespeichert. In den letzten eineinhalb
Jahren sind auf diese Weise an die 700 Stücke entstanden."
O-Töne von Zawinul hatten immer seinen besonderen Reiz – er war
absolut zitierfähig, nicht nur ein Wödmasta in der Musik, sondern auch ein
Großmeister im Wuchtel scheiben, stets dem Superlativ auf der Spur: "Für mich gab es nie Eifersucht auf andere
Musiker. Für mich war es wichtig, dass ich besser werde."
Erdberg war seine Heimat, und in Erdberg ist auch das Joe Zawinul's
Birdland beheimatet. Das Birdland in Wien wurde in den letzten Jahren zum
Wohnzimmer von Zawinul, dort präsentierte er seine jeweils jüngsten Alben, dort
gab er auch bereitwillig Interviews, dort gab er exzellente Live-Konzerte mit
100%-Groove. Die große Reise vom Jazz-Wödmasta in den Pop-Olymp und wieder
zurück in die Club-Atmosphäre endete also dort wo sie begann. Zawinul über sein
Syndicate: "Ich finde immer, meine aktuelle Platte ist die beste. Einfach, weil
ich selbst ein besserer Musiker wurde über die letzten Jahre. Man wird besser,
weil die Lebenserfahrung wächst. Das Großartige für mich ist, dass ich beim
Syndicate alle Freiheiten habe, die Musik zu variieren."
Zawinul erblickte am 7. Juli 1932 in Wien das
Licht der Welt. Im Alter von fünf Jahren erhielt Josef Zawinul ein kleines
Akkordeon und Unterricht bei einem Musiklehrer, der nach einem Dreivierteljahr
Zawinuls Mutter erklärte: "Frau Zawinul, ich kann dem Bub nichts mehr
beibringen, der hat so viel Talent für Musik, der sollte eigentlich ins
Konservatorium gehen." Als sich herausstellte, das Zawinul über ein absolutes
Gehör verfügt, bekam er sofort einen Freiplatz fürs Konservatorium.
Als Zawinul mit nur 800 Dollar Bargeld 1959 in
die USA reiste war er in Österreich längst ein bekannter und begehrter Pianist,
und spielte u.a. mit Hans Koller, Fatty George, Friedrich Gulda, Horst Winter,
Karl Drewo, Hans Salomon, Oscar Klein, Viktor Plasil, Rudolf Hansen, Dick
Murphy. Vier Monate hatte Zawinul Zeit in den USA – denn so lange galt sein
Stipendium fürs Berklee College of Music. "Ich schlenderte den Broadway
hinunter, am 'Birdland' vorbei, und all die Lichter gingen an. Da wurde ich
dann einen Moment richtig traurig. Ich war traurig, weil ich wusste, dass ich
nie mehr nach Wien zurückgehen werde."
Wödmasta. Am 12. Jänner 1959 besuchte Joe
Zawinul erstmals das Birdland, jenen nach Charlie Parker genannten Jazzclub
in Manhattan. Dort lernte er rasch Musiker wie Duke Ellington und Miles Davis
kennen, dort begegnete er Maxine – seine spätere Frau. 1959 erschien auch sein
erstes Album unter eigenem Namen in den USA, To You With Love, sowie das
Album What A Diff'rence A Day Makes von Dinah Washington, in deren Band
Zawinul zwei Jahre spielte. Von 1961 an spielte Joe Zawinul in der Band von
Cannonball Adderley, die Alben In New York, Nippon Soul und Mercy, Mercy,
Mercy! dokumentieren diese Zeit bestens, auf letztgenanntem Album schrieb
Zawinul seinen ersten Welthit gleichen Namens, jene Soul-Ballade, die auch die
Pop-Charts stürmte und worauf Zawinul erstmals am elektrischen Klavier zu hören
ist. Zawinul: "'Mercy, Mercy, Mercy!' war lange in der Hitparade. Wir kamen
1967 bis auf Platz 11 in den Billboard-Charts. Und für die Performance der Band
gab es einen Grammy."
In A Silent Way ist nur eine von mehreren
hundert Stücken, die er im Lauf der Jahrzehnte schrieb, eine Ballade, die für
Furore sorgte und 1969 auf dem Miles Davis-Album In A Silent Way erschien. Diese
Komposition markiert die Trendwende des Jazz zu Fusion und Crossover. Endgültig
sein Gesicht verändernd zeigte sich der Jazz auf dem epochemachenden Miles
Davis-Album Bitches Brew von 1970, die Rockjazz-Welle auslösend. Auf beiden
Alben war Joe Zawinul nicht nur als Komponist sondern auch als Studiomusiker
wesentlich beteiligt. Miles Davis über Joe Zawinul: "Er ist der weiße
Jazzmusiker, der sich am ehesten einer typisch schwarzen Spielweise nähert."
Was auch auf den zwei Joe Zawinul Solo-Alben The Rise And Fall Of The Third
Stream und mehr noch auf Zawinul nachzuhören ist.
Nein, auf Tour mit Miles Davis begab sich Joe
Zawinul nicht. Er beschloss vielmehr seine erste Band zu gründen. Der magische
Bandname ist gleichzeitig Synonym für permanente Veränderung und
Weiterentwicklung, eine Werkstätte voller unnachahmlicher Klänge und Beats, die
ihrer Zeit um einiges voraus war: Weather Report. Für Weather Report schrieb
Joe Zawinul auch seine weltweit bekannteste Komposition Birdland, das
erstmals auf dem Album Heavy Weather im Jahr 1977 erschien, und zwei Jahre
später als fulminante Live-Version auf dem Doppel-Album 8:30. "Birdland" hat
in drei verschiedenen Dekaden Grammys gewonnen. Erst mit Weather Report, dann
mit The Manhattan Transfer, und schließlich in den 1990er Jahren mit Quincy
Jones und seinem Album Back On The Block. Zawinul: "Das Stück hat viel von
der Atmosphäre der Birdland-Ära: Man ging über den Broadway, und dann tauchte
man ein ins Birdland und hörte die beste Musik." Kurzum: Gemeinsam mit u.a. dem
Saxophonisten Wayne Shorter und dem Bassisten Jaco Pastorius schrieb Zawinul
mit der Stil prägenden Band Weather Report zwischen 1971 und 1986
Musikgeschichte.
Und was dann kam hatte bis zuletzt Bestand, das
Zawinul Syndicate. Dazwischen, 1986, gab es aber noch das Solowerk di-a-lects, worauf neben Zawinul "nur" Bobby McFerrin zu hören ist. Dem raren
Zawinul-Syndicate-Debütalbum The Immigrants von 1988 folgten Alben wie Black
Water, Lost Tribes, das Grammy-nominierte My People von 1996, die
Live-Doppel-CD World Tour, das ebenfalls Grammy-nominierte und
bei den Amadeus-Award-prämierte Album Faces & Places, und zuletzt Brown Street. Apropos Preise:
Zawinul erhielt nicht nur in Österreich diverse Auszeichnungen für sein
Lebenswerk, sondern auch satte 26mal den Titel als "Bester Keyboardspieler der
Welt" im International Critics & Readers Poll der Jazzbibel Downbeat, sowie
sieben "Golden Trophies" für die Platte des Jahres in Japan, insgesamt neun
individuelle Grammy-Nominierungen und nicht zuletzt ganze sechs Grammy-Gewinne
(für Zawinul selbst oder für seine Kompositionen), außerdem erhielt Joe Zawinul
1991 die Ehrendoktor-Würde des Berklee College of Music in Boston, wo er 1959
als Kurzzeit-Student seine US-Karriere begann.
Längst nicht alles, aber nur noch so viel: Das
Hilton, jenes Hotel, wo Joe Zawinul's Birdland seinen Unterschlupf findet,
war bereits unzählige Male auch der Ort, an dem Zawinul eines seiner
Kompositionen schrieb – wie z.B. Rooftops of Vienna
vom Album "Faces &
Places". Dass Joe Zawinul noch längst nicht am Ende seiner kreativen
Ausdruckskraft war, davon zeugten seine zuletzt veröffentlichten Alben
wie die
Doppel-CD "Brown Street". Zawinul in einem Interview 2003: "Oft genug
setze ich
mich nach einem Konzert noch einmal für eine Improvisationsstunde hin.
Da habe
ich die beste Energie. Dazu zwei oder drei Slibowitz und es fährt
schon." Anfang August 2007 - seine Frau Maxine starb kurz zuvor -
musste Joe Zawinul ins Krankenhaus, Diagnose Hautkrebs. Joe
Zawinul verstarb am Dienstag, 11. September 2007 um 4.55 Uhr im Wiener
Wilhelminen Spital. Seine Musik aber wird unaufhörlich weiter atmen.
(Text: Manfred Horak; Fotos: Rainer Rygalyk, bearbeitet von mh)
Link-Tipp:
Interview mit Joe Zawinul
Meisterwerke: Weather Report - Black Market
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Meisterwerke: Joe Zawinul - Brown Street
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