Lieber Georg Danzer,
während ich die nachfolgenden Zeilen verfasste, erhielt ich ein SMS:
"Irgendwie",
heißt es da, "hab ich das Gefühl, du könntest über den Tod von Danzer
traurig sein, aber denk daran, er kann jetzt mit dem Karl Valentin und
vielen anderen zusammen sein. Den Tod erlebt man nicht. Daher verstehen
sich die Lebenden nicht darauf." Eigentlich wollte ich nur danke sagen.
Danke für die inspirierende Musik und für die vielen gehaltvollen
Texte, von denen wir sehr viel lernen können, die uns Mut, aber
auch
Hoffnung, die unserem Protest Haltung, und vor allem die richtigen Worte
geben.
Ich war 13, als dein Album Notausgang erschien, und dieses Album war für mich
eine Art Wegweiser, das Titellied eine Art Haltegriff für die nächsten Jahre,
und der verknotete Finger auf der Vorderseite des Plattencovers bzw. der
abgeschälte Finger auf der Cover-Rückseite eine kuriose Mischung aus Warnung
und Befreiung. "Die Nacht kommt auf roten Flügeln/und nur ein Flugzeug
blinkt/und ich denke mir: na wenn das hier das Leben ist/dann hat man uns ganz
schön gelinkt/aber niemand ist zuständig, niemand hat Schuld/wir sind halt alle
nur ein wenig krank/sei so gut, zeig mir den Weg, wenn du kannst!/Wo ist denn
hier der Notausgang?" – Wenn man das als 13-jähriger hört, was geht einem da
durch den Kopf? Aufpassen, wachsam sein, nicht bei jedem Scheiß mitmachen, der
Autorität kritisch gegenüber stehen. Das war aber nicht das einzige Lied, das
mir damals schon so eigenartig vertraut vorkam. Ein Lied, das mich ebenfalls
ungemein berührte, trägt den Titel Abschied für immer. Sohn bringt Vater ins
Altersheim: "Dort bist du unter deinesgleichen/dort wirst du regelrecht
verwöhnt/von all den hübschen jungen Schwestern/ich würd am liebsten mit Dir
tauschen…wenn ich könnt", heuchelt der Sohn. Und es befinden sich auf diesem
Album auch zwei Lieder im Dialekt, Laß mi ned im Regn schdeh und Liag mi ned
au, die ich, im Dialekt zu reden war ja ziemlich verpönt, ziemlich leiwand fand.
Lieber Georg Danzer,
einzelne Lieder von Dir kannte ich freilich bereits vorher – sei es Jö schau, Hupf in Gatsch, So a Dodl mid da Rodl, oder Frauenmörder Wurm. Okay, die
sind vielleicht nicht wirklich kindergerecht, aber sobald man das Radio
einschaltete hörte man dich da raus singen, und das  war gut so. Dennoch begab
ich mich aufgrund von "Notausgang" auf die Entdeckungstour "Danzer". Ich kaufte
was ich im Plattenladen bekam, und vor allem, was ich mir leisten konnte (also
billige Nachpressungen). Alben wie z.B. Unter die Haut, Narrenhaus und Feine
Leute. Unglaubliche Liedtexte kamen da zum Vorschein umrahmt von ganz
wunderbaren Melodien, von denen ich – bis heute – nicht mehr los kam. Aber das
war  doch irgendwie erst der Anfang, denn die besten Alben von Dir kamen erst. So
erschien gleich nach "Notausgang" eins der am meist gelungenen
deutschsprachigen Alben überhaupt, nämlich Traurig aber wahr.
Als wir uns das
erste Mal zu einem Interview trafen, relativiertest du meine Meinung zu
diesem
Album. Es seien einige Liedtexte darunter, die mehr den Status eines
nicht zu
Ende gedachten Rundumschlags haben,sagtest du, Lieder, die du heute
nicht mehr schreiben würdest. Und du erklärtest mir auch, generell auf die 1980er
Jahre
zurückblickend: "Die 1980er Jahre waren sicherlich die geilste Zeit des
Jahrhunderts, geprägt vom politischen Engagement, für Friedensbewegung,
gegen
Nachrüstung, gegen Pershing, etc. Es war eine Zeit, in der wir gefühlt
haben,
mit Kunst Politik bewegen zu können. Das hat man sich nach dem Ausbruch
der 'Neuen  deutschen Welle' sehr rasch abgeschminkt, und es war
plötzlich innerhalb
eines Jahres absolut old-fashioned und Mega-out sich in irgendeiner
Weise
politisch zu engagieren. Das Pendel aber schwingt, glaube ich, wieder
in die
andere Richtung. Passend dazu sagte der Bildhauer Alfred Hrdlicka
einmal in
einem Interview, dass es für ihn unverständlich sei, dass es überhaupt
Künstler
gibt, die sich politisch nicht äußern." Die Alben Ruhe vor dem Sturm, Jetzt
oder Nie, …und so weiter und Menschliche Wärme verleihen dieser Aussage
Ausdruck. Nicht zu vergessen deine spätere Alben, allen voran das grandiose
Album Von Scheibbs bis Nebraska. Ein Meisterwerk. Eines von vielen, die du
veröffentlicht hast.
Lieber Georg Danzer,
ebenso wichtig sind mir deine
literarischen Übersetzungen der Bücher Mein Name ist Kain (1991; Residenz Verlag) und Der Flug der
erloschenen Schönheit (1992; Residenz Verlag) von Manuel Vicent, sowie deine eigenen Erzählungen im Buch Die
gnädige Frau und das rote Reptil
(1982; Heyne). In der darin enthaltenen Erzählung "Anwärter auf ein
unvollendetes Leben" aus dem Jahr 1973 hast du geschrieben: "Ich spüre
die drehende, kreisende Bewegung meiner Existenz, wie sie eine
Schallplatte spüren mag, die den Saphir unausweichlich auf ihr Zentrum
zukommen sieht. [...] Eines Tages wird sich der gordische Knoten in
meinem Kopf lösen, wenn ich das richtige Haar ergreife und anziehe. Ich
werde in meinen goldenen Rolls Royce steigen und den Befehl geben,
loszufahren, hinein in ein silbernes Universum. Doch dann kommt die
Ungewissheit über mich, wie ein Ringtheaterbrand, es könnte vielleicht
alles gar nicht wahr sein...? Ob es normal ist, Gewissheit zu besitzen?
An manchen Tagen erfüllt sich das Besondere. Das Unabänderliche der
Nacht ist der Morgen danach. Das Unabänderliche des Lebens ist der Tod."
Und dann unsere paar persönlichen Begegnungen, stundenlange
Gespräche inklusive. In diesen Begegnungen wurde kein Mythos zerstört,
sondern, im Gegenteil, die Achtung nur noch größer. Menschliche Wärme pur. "…da kommt auch
schon die Heilsarmee/und singt mit lautem Klang/'Freunde habt
Mut, alles wird gut!'/wo ist denn hier der Notausgang?" Danke, Georg
Danzer. (Manfred
Horak)
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