"Freunde, noch sind wir wenige/doch täglich werden es mehr/Wir
sind weder Playboys noch Könige/und wir haben kein grausames Heer/doch wir sind
schon auf dem Marsch/schon Jahrhunderte weit/durch Flüsse und Dschungel,
Gebirge und Eis/auf dem Marsch der Minderheit", sang Hanns Dieter Hüsch im Jahr
1970 in seinem Marsch der Minderheit, und daran wird wieder in der
hervorragend editierten CD-Reihe Für wen wir singen, erinnert.
Die Sänger mit den Arbeiterliedern
Interessant wie weit musikalisch - irgendwo zwischen Folk und
Jazz angesiedelt - Hüsch bereits Anfang der 1970er Jahre voraus war – und mit
ihm Dieter Süverkrüp. Genial dessen hier fünf vertretene Lieder Erschröckliche
Moritat vom Kryptokommunisten, Rein Technisches [mit Floh de Cologne; Anm.], Machtwechsel, Unser Marsch ist eine gute Sache und Der Baggerführer
Willibald. Lieder, die kaum etwas an Aktualität eingebüßt haben, und auch mit
Abstrichen musikalisch weiterhin ziemlich frisch klingen. Der mir bis dahin
unbekannte Ekkes Frank wiederum ist mit dem Lied Tagesschauaus dem Jahr 1974
zu hören: "Guten Abend meine Damen und Herren, hier ist das deutsche Fernsehen
mit der Tagesschau: Der Bundeskanzler hat – blablabla. Die Opposition hat
blablabla – tja, sie haben was getan, sie haben was gesagt – nur was?" –
Kurzum: Das Lied "Tagesschau" ist ein satirischer Kommentar über die Art, wie
das Fernsehen in der "Tagesschau" Informationen aufbereitet. Erinnert wird
natürlich auch wieder an Hannes Waders und Franz Josef Degenhardts Wortgewalten.
Ersterer ist u. a. mit Der Rattenfänger zu hören, Degenhardt u. a. mit Ja,
dieses Deutschland meine ich.
Am 5.
November 1989 erlebte ich dich an ungewohnter Stelle, vor Hunderttausenden
auf dem Alex, vor einigen Millionen aus Ost und West auf dem Bildschirm.
Ist dies das krönende Ende oder der eigentliche Anfang der Liedermacherei?*
So genannte Flugblattliederaus der 68er Studentenbewegung
sind überwiegend auf CD 5 in den "bewegten Lieder" zu hören. Los geht es da
gleich mal mit Ton Steine Scherben (siehe Foto) und dem Rio Reiser Lied Mein Name ist
Mensch und führt über Reinhard Mey und Konstantin Wecker zu wenig bekannten
Liedermachern wie Klaus der Fiedler, Lothar von Versen und Eckart Kahlhofer bis
hin zu Bands wie Dicke Lippe, dessen Originalversion von Bruttosozialprodukthier zu hören ist, und bis hin zu Schneewittchen und Grips Theater. Antiautoritäre
Themen und Lieder über die Schutzbedürftigkeit der Kinder sind die Grundthemen.
Auf CD 6 schließlich gibt es Lieder aus einem längst versunkenen Staat zu hören
– der DDR. Der Tatort-Kommissar Manfred Krug sang bereits im Jahr 1962 Lieder,
natürlich war er auch da schon in Jazz gekleidet. Wunderbar sein Auf der
Sonnenseite. In den sehr guten Begleittexten zu den CDs schreibt Lutz
Kirchenwitz über die DDR-Liedermacherszene: "Lied und Chanson wurden in der DDR
ernstgenommen und gefördert, kritische Lieder beargwöhnt und oppositionelle
unterdrückt. Das Lied wurde geschätzt, manchmal überschätzt und zu
unterschiedlichen Zwecken gebraucht und missbraucht. Es war Agitation und
Akklamation, Chronik und Kritik, Ventil und Widerstand." Und so entstand in der
DDR – so Kirchenwitz – "eine Folk-, Chanson- und Liedermacherszene von
beträchtlichem Umfang und zum Teil auch bemerkenswerter künstlerischer
Qualität." CD 6 ist somit sicherlich der interessanteste – da am wenigsten bekannte
– Teil. Entdeckenswert z. B. Perry Friedman, ein Pete Seeger mit deutschen
Texten, der hier mit Deutsches Lied und Knüpflied auf eine Unruhestifterin (jeweils
aus dem Jahr 1966!) zu hören ist. Entdeckenswert auch Kurt Demmler (siehe Foto), "einer der
Begründer des Ostrocks, dessen Kennzeichen eine lyrisch verschlüsselte
Textsprache wurde, die einzige Möglichkeit daselbst, Dinge zu sagen, die
eigentlich nicht gesagt werden durften." Dennoch wurde ihm mit Exmatrikulation
und Zuchthaushaft gedroht, sodass sich Demmler bereit erklärte, nur noch im
Universitätsrahmen und mit zensierten Liedern aufzutreten. Super auch Brunovon der Band Jahrgang 49 – musikalisch irgendwo zwischen Ton Steine Scherben,
Udo Lindenberg und Die Schmetterlinge einzuordnen, sowie am Ende der CD platziert die Kinderlieder Jule wäscht sich nie von Gerhard Schöne und Teilen macht Spaß von Circus Lila. Insgesamt gibt es 73 Lieder
in diesem zweiten Teil von "Für wen wir singen" zu hören. 73 Lieder, die Sie nicht versäumen sollten. (Manfred Horak)
*aus einem Brief an Kurt Demmler
CD-Tipp:
Diverse Interpreten - Für wen wir singen (Vol. 2)
Musik:
@@@@@@
Klang:
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Label/Vertrieb: Bear Family Records/www.buechergilde.de (2007)